Meine Mutter ist nie geflogen. Sie wäre heute am 16.08.2026 100 Jahre alt geworden. Ökologisch betrachtet war sie für mich die wichtigste und beste Ökologin und Vorreiterin der Welt. Liebe „Freideis for futschr“ Aktivistinnen, Schimpansen- und Gorillaforscherinnen, bleibt einfach mal dort wo ihr seid, verbraucht nicht Unmengen von Flugbenzin, um das andere Ende der Welt zu retten (und eine Meeenge Aufmerksamkeit zu bekommen), während das eigene Fleckchen zu brennen beginnt, und baut Gemüse an! Ja, baut Gemüse an! So wie meine Mutter. Spült von Hand, dann gibt es keinen Streit, wer die Spülmaschine falsch eingeräumt hat und lasst Eure Männer abtrocknen! Wasser gespart, Strom gespart, Partnertherapie gespart und Mann von Fußballschausucht befreit! Sammelt Regenwasser, speichert es in alten Tonnen, wendet den Boden, sät und erntet, statt mit dem Hybrid-SUV mit 400 PS in den Bioladen zu fahren. Das Leben meiner Mutter war diesbezüglich sehr konsequent, nachhaltig, einfach und wenig widersprüchlich. Danke!
Sie hätte in einer Krise überleben können, ich nicht. Ihr Mann auch nicht. Sie hat jeden Tag gekocht, gebacken, geflickt, genäht, erzogen, gesät, geerntet, gewaschen, mit uns Kindern gespielt, repariert, tapeziert, arrangiert, trainiert und mit ihrer kleinen Selbständigkeit als Damenschneiderin, die Frauen der Gegend mit wunderbaren Kleidern ausgestattet oder ihre Kleidung abgeändert. Sie hat „refurbished“, „upgesycelt“, nachhaltig produziert (bis auf ihre Torten, die hielten meist nur einen Tag) und hatte nie ein Auto, um uns zum Kindergarten zu fahren, einen Roller oder E-Bike oder gar einen Thermomixer. Was für eine Lebensleistung!
Dazu hatte sie einen im Krieg schwer verwundeten, schwer traumatisierten, bisweilen ungesund alkoholisierten Mann, der den anderen, fehlenden Part in der Familie übernahm (Arbeit außer Haus, Auto, Steuer, Formulare, Caravaning, Van-Life, Organisation von Jahrgangsausfahrten, Fußball schauen, männliches Erziehungsvorbild). Dieses System war an sich oft überfordert und es ging Einiges schief. Mutter hielt durch und ging bis es nicht mehr ging in ihren Garten und einmal in der Woche ins „Gymnaschdik“. Eine Frühform des Yoga, das in schwäbisch-dörflicher Umgebung durchgeführt werden kann, ohne dass die Frau dazu nach Hinterindien fliegen muss. Mit all dem sparte sie sehr viel Ressourcen für die nachkommende Generationen.
Ach so, fast vergessen: Mutter hat auch noch zwei Jahre lang die alles andere als einfache Aufgabe übernommen, die demente Omi zu Hause zu pflegen, anstatt sie in ein Heim zu geben. Heime gab es damals noch nicht. Sie hat allerdings keine 3000 oder 6000 Euro im Monat für diese Leistung bekommen. Aber jetzt meckern die Söhne und Töchter, wenn der Pflegeplatz 5000 Euro und mehr kostet, weil dann kein Geld für den Audi A5, Q7, Porsche blabla oder eine sonstige Karre als Zweitwagen bleibt. Pflegt wieder selbst, dann spart Ihr eine Menge!
Hiermit verleihe ich meiner Mutter Kraft meines Amtes als Sohn den Jahrhundertpreis für Emanzipation im Alltag, Hauswirtschaft, Ökologie, self-made Pädagogik, Pflege und nachhaltiges Schneiderinnen-Handwerk. Zum 80-sten Geburtstag meiner Mutter schrieb ich einen schwäbischen Folk-Song mit dem Titel „Blech ond Bloama“ (Blech und Blumen). Zwei Dinge, die ihr Leben und nahes Umfeld sehr prägten. Mit 9 Jahren kam sie von Hörbranz am Bodensee auf die Alb bis sie 2011 verstarb. Wo immer Ihre Seele hoffentlich ihre Ruhe fand. Liebe Grüße und danke für Dein Jahrhundertwerk.